Ein weiß-gelber Oberleitungsbus des Modells "Solaris Trollion" fährt auf einer Straße durch Esslingen am Neckar.
Oberleitungsbus des Modells "Solaris Trollion" in Esslingen am NeckarFoto: CC BY-SA 4.0/Silesia711

Fahrgastzahlen steigern

ÖPNV-Report Baden-Württemberg 2020

Der ÖPNV-Report Baden-Württemberg 2020 zeigt: Eine Verdopplung der Fahrgäste von Bussen und Bahnen ist möglich – wenn Land, Kommunen und Verkehrsbetriebe das Angebot entsprechend ausbauen.

Ein zentrales Ziel für den Klimaschutz ist die Verdopplung der Nachfrage im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) bis 2030 (Bezugsjahr 2010). Der ÖPNV-Report Baden-Württemberg 2020 hat gezeigt, dass dieses ambitionierte Ziel mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung aller zuständigen Akteure erreichbar ist. Das setzt voraus, dass der ÖPNV erheblich ausgebaut wird und somit durch ein qualitativ hochwertiges Angebot einerseits mehr Fahrgäste für den ÖPNV gewinnt und andererseits die gestiegene Nachfrage auch adäquat bedienen kann. Wie u.a. die Angebotsqualität im ÖPNV bereits aussieht und welche Ausbaupotentiale sich noch heben lassen, um gezielt auf das Verdopplungsziel hinzuwirken, hat in 2020 der ÖPNV-Report Baden-Württemberg (PDF-Download Ergebnisbericht) gezeigt.

Die Studie analysiert den Status quo des ÖPNV auf Ebene der Verkehrsverbünde, der Stadt- und Landkreise sowie der Städte und Gemeinden. Dabei wird auch ein Vergleich gezogen mit ähnlich strukturierten vorbildlichen Best Practice-Regionen im In- und Ausland hinsichtlich der Angebotsqualität, des Preis-Leistungs-Verhältnisses und der Nachfrage im ÖPNV. Haupterkenntnisse dabei sind:

1. Baden-Württemberg ist mit ÖPNV-Infrastruktur gut erschlossen

Baden-Württemberg verfügt über ein gutes ÖPNV-Netz bestehend aus einer Vielzahl an Haltepunkten. Daher sind Einwohnerinnen und Einwohner mittels Rad oder zu Fuß schnell an einer ÖPNV-Haltestelle oder Station: Zu Fuß erreichen 85 % der Einwohnerinnen und Einwohner in maximal 5 Minuten eine ÖPNV-Haltestelle (Bus oder Bahn); mit dem Fahrrad sind dies sogar 99%. Mit dem Fahrrad erreichen sogar 68 % aller Einwohner direkt eine Haltestelle des SPNV in maximal 15 min. Die Erschließung des Raums mit dem ÖPNV bildet eine wichtige Basis für eine hohe Nachfrage, jedoch ist Netzdichte alleine nicht ausreichend, um die Fahrgastzahlen zu verdoppeln.

2. Takt-/Fahrplandichte im ÖPNV ist in Baden-Württemberg deutlich geringer als in raumstrukturell vergleichbaren Regionen in der Schweiz und im Vorarlberg

Die Angebotsdichte in den im Rahmen des ÖPNV-Reports untersuchten österreichischen und schweizerischen Regionen ist, abgesehen von einzelnen Ausnahmen, in allen Raumkategorien signifikant besser als in Baden-Württemberg – sowohl bezogen auf die Einwohnerzahl als auch auf die Siedlungsdichte in den jeweiligen Raumkategorien: Beispielsweise ist das Angebot in Vorarlberg (Verkehrsverbund Vorarlberg, VVV) über 240% dichter als in vergleichbar dicht besiedelten Verbünden in Baden-Württemberg.

Die im ÖPNV-Report untersuchten schweizerischen und österreichischen Benchmark-Regionen haben gezeigt, dass ein gutes ÖPNV-Angebot dadurch ausgezeichnet wird, dass es über den gesamten Tag eine hohe Taktdichte fährt – auch in Randzeiten und an Wochenenden ist die Ausdünnung des Fahrplans (bei signifikant höherem Ausgangsniveau) weit weniger ausgeprägt als dies aktuell in Baden-Württemberg vielerorts noch der Fall ist. Um eine echte Alternative zum eigenen Pkw zu werden, muss der ÖPNV auch im Freizeitverkehr am Wochenende somit sein Angebot erhöhen, d.h. einen dichteren Takt fahren. Und auch flexible Bedienformen könnten zu Zeiten und in Räumen mit schwacher Nachfrage eine wichtige ergänzende Rolle spielen.

3. Die Verdichtung des Fahrtenangebots ist ein entscheidender Hebel, um mehr Fahrgäste für den ÖPNV zu gewinnen

Über alle untersuchten Teilräume im ÖPNV-Report zeigt sich ein klarer Zusammenhang: je höher der Takt (dichtes Fahrplanangebot), desto höher ist auch der Anteil des ÖPNV am Modal Split – dies bedeutet, dass tendenziell mehr Menschen sich bei der Verkehrsmittelwahl für den ÖPNV entscheiden. In der Auswertung der Verteilung des Verkehrsaufkommens auf Fuß-, Rad-, ÖPNV- und Autoverkehre fällt dann der ÖPNV-Anteil vergleichsweise höher aus.

Die Ergebnisse aus dem ÖPNV-Report zeigen, dass für die Gewinnung zusätzlicher Nachfrage attraktive Takte und Bedienungszeiten unabdingbar sind.

4. Auch ein gutes Preis-Leistungsverhältnis ist wichtig, um mehr Fahrgäste für den ÖPNV zu gewinnen

Vorrangig ist und bleibt der Angebotsausbau der zentrale Hebel. Allerdings spielt auch das Preis-Leistungsverhältnis laut Erkenntnissen des ÖPNV-Reports eine Rolle bei der Fahrgastgewinnung, wenn auch tendenziell nachrangiger. Je besser das Verhältnis von günstigen Tarifen zum Fahrplanangebot in einem Raum ist, desto höher ist tendenziell der Modal-Split-Anteil des öffentlichen Verkehrs.

Im Vergleich der Verbünde in Baden-Württemberg weist das Preis-Leistungsverhältnis beim Einzelfahrschein und auch bei den Zeitkarten eine hohe Spannbreite auf: Eine Haltestellenabfahrt kostet je nach Verbund bis zu viermal so viel wie eine Haltestellenabfahrt im günstigsten Verbund.

5. Flexible Bedienformen können zu Zeiten und in Räumen schwacher Nachfrage eine wichtige ergänzende Rolle spielen

Aktuell ist die Ausgestaltung der flexiblen Bedienformen in Baden-Württemberg noch äußerst uneinheitlich. Dies führt zu Zugangsbarrieren für Kundinnen und Kunden. Der Mangel an Standardisierung macht sich v.a. bemerkbar bei der Uneinheitlichkeit in der Benennung der flexiblen Bedienformen, bei uneinheitlichen Regelungen für Voranmeldefristen und teils fehlende Informationen zu den Angeboten in den Fahrplanauskunftssystemen. Aus Kundensicht stellen diese Bedienformen daher in einigen Verbünden bislang noch keinen vollwertigen Ersatz für ein reguläres ÖPNV-Angebot dar. Der ÖPNV-Report kommt zum Ergebnis, dass hier die Nutzungshürden weiter abgebaut und die Regelungen vereinheitlicht werden sollten.

Newsletter

Wir halten Sie auf dem Laufenden!

Jetzt abonnieren
totop-arrow