Ein blau-weißer Shuttlebus steht auf einer gepflasterten Fläche in der Innenstadt von Heilbronn neben den Straßenbahnschienen.
Foto: Stadtwerke Heilbronn

On-Demand Verkehre

Der Schlüssel zur Flächenerschließung

In dünn besiedelten Regionen ist es schwierig, den ÖPNV im Linienverkehr wirtschaftlich zu betreiben. Shuttles und Rufbusse können helfen, Angebotslücken zu schließen.

Um eine nachhaltige Mobilität in ländlichen Räumen auch flächendeckend sicherzustellen, bedarf es daher auch neuer Mobilitätsformen, die auf die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger zugeschnitten, wirtschaftlich tragbar und ökologisch sinnvoll sind. Gerade in Zeiten und Räumen schwacher Verkehrsnachfrage eignet sich der Einsatz von flexiblen und bedarfsorientierten Angeboten besonders. Weitere Einsatzfelder ergeben sich dort, wo die kleinen Fahrzeuge einen betrieblichen, Komfort- oder Sicherheitsvorteil bieten

Was sind On-Demand Verkehre?

Der Begriff „On Demand Verkehr“ ist in der Praxis zwischenzeitlich sehr populär und wird für eine Vielzahl unterschiedlicher Angebotsformen inflationär verwendet. Sowohl für die in den ÖPNV integrierten Angebotsformen wie bspw. Rufbusse oder Sammeltaxen, als auch für kommerzielle Angebote außerhalb des ÖPNV.

Allen Angeboten ist jedoch in der Regel Folgendes gemein: Sie werden nur nach Bedarf durchgeführt, haben keine starren Fahrplan- und Linienwegbindung, es werden meist Kleinbusse oder Pkw eingesetzt und Fahrtwünsche können gebündelt werden.

Es kann grundsätzlich in vier Grundtypen unterschieden werden:

Mehr zum Thema „On-Demand“ finden Sie in den untenstehenden Links kurz erklärt:

Bedarfslinienbetrieb

Im Bedarfslinienbetrieb wird entlang eines Linienwegs (mit einer Start- und Zielhaltestelle) nach einem definierten Fahrplan der Betrieb bei Bedarf garantiert. Sogenannte Bedarfshaltstellen zwischen diesen Haltestellen werden nur angefahren, wenn ein Fahrtwunsch vorab angemeldet wurde.

Richtungsbandbetrieb

Die Eigenschaften des Linienbetriebs (in der Regel zwei feste Haltestellen auf einer Grundroute) werden im Richtungsbandbetrieb mit bedarfgesteuerten Elementen (Bedarfshaltestellen oder bspw. Haustür des Fahrgastes) kombiniert. Auch hier gibt es eine Start- und Ziehaltstelle.

Mehr zum Richtungsbandbreite finden Sie bei Mobilikon.

Sektorbetrieb

Der Sektorbetrieb wird wie auch der Richtungsbandbetrieb mit bedarfsgesteuerten Elementen (Bedarfshaltestellen oder bspw. Haustür des Fahrgastes) kombiniert. Im Unterschied zum Richtungsbandbetrieb ist beim Sektorbetrieb eine gemeinsame Start- und Zielhaltestelle vorzufinden. Somit verkehrt der Sektorbetrieb in Umläufen.

Flächenbetrieb

Im Vergleich zu den anderen Grundtypen gibt es hier weder einen festen Umlauf noch eine festgelegte Start- und Zielhaltstelle. Der Betrieb findet auf einer definierten Fläche statt.

Neuer Schwung für On-Demand Verkehre: Novellierung des PBefG und Digitalisierung

Das Grundkonzept der On-Demand Verkehre ist keineswegs neu, sondern in der Nahverkehrsplanung seit bald 50 Jahren  bekannt. Das Anrufbussystem im Landkreis Rottweil besteht beispielsweise bereits seit Anfang der 1990er Jahre. Darüber hinaus gibt es in 33 von 35 Landkreisen in Baden-Württemberg bereits Angebote (Stand: Sommer 2020). Schon heute werden 90 Prozent der flexiblen Verkehre durch Bus- (ca. 40 Prozent) und Taxiunternehmen (ca. 50 Prozent) durchgeführt. Insgesamt gibt es ca. 800 solcher flexiblen Linien. Davon sind immerhin 80 Prozent bereits in der Elektronische Fahrplanauskunft des Landes Baden-Württemberg (kurz: EFA) zu finden. 61 Prozent der flexiblen Verkehre werden dem Ruftaxi-Verkehr zugeordnet. 33 Prozent sind Rufbus-Verkehre. Fünf Prozent sind Linienbusverbindungen, die teilweise flexible Elemente aufweisen. Diese Zahlen spiegeln sich auch in den Angaben zu den Betriebsformen wider.

Die vorhandenen On-Demand Angebote unterscheiden sich jedoch teilweise stark in ihrer Quantität und auch in der Qualität. Mit der zunehmenden Digitalisierung und der Novellierung des Personenbeförderungsgesetzes wurden neue Möglichkeiten geschaffen, diese Verkehre künftig noch stärker und auch flächendeckend als Ergänzung des ÖPNV einzusetzen.

Die neue Rechtslage für On-Demand Verkehre

In der bisherigen Rechtslage waren On-Demand Verkehre nur schwer abzubilden, weshalb bei der Genehmigung solcher Verkehre überwiegend auf die Auffang- und Experimentierklausel gem. § 2 Abs. 6 und 7 PBefG zurückgegriffen werden musste. Hiernach konnten On-Demand Verkehre nach den Vorgaben der entsprechenden Verkehrstypen, denen sie am nächsten kamen, genehmigt werden. In der Praxis führte dies aber oftmals zu Unklarheiten und Problemen. Mit der Novellierung des PBefG wurden zwei neue Verkehrsformen, der Linienbedarfsverkehr (nicht zu verwechseln mit Bedarfslinienbetrieb) und der gebündelte Bedarfsverkehr, eingeführt:

Linienbedarfsverkehr: On-Demand als Teil des ÖPNV (nach § 44 PBefG)

Der Linienbedarfsverkehr soll es Verkehrsunternehmen ermöglichen, zusätzlich zum klassischen ÖPNV auch benutzer- und bedarfsorientierte Mobilitätsangebote anzubieten, um bislang schwach ausgelastete Linien effizienter bedienen zu können. Im Unterschied zum klassischen Linienverkehr sollen diese Linienbedarfsverkehre ohne festen Linienweg agieren und nur bei vorheriger Bestellung eingesetzt werden. Auch für die Linienbedarfsverkehre gelten die Rechte und Pflichten aus dem Linienverkehr, insbesondere die Vorgaben zur Barrierefreiheit. Der Aufgabenträger kann gegenüber dem Linienverkehr-Tarif Zuschläge erheben.

Gebündelter Bedarfsverkehr: eigenwirtschaftlicher Betrieb auf unternehmerisches Risiko (nach § 50 PBefG)

Die gebündelten Bedarfsverkehre sollen hingegen die Genehmigungsfähigkeit neuer Bedienformen im Bereich geteilter Nutzungen sicherstellen. Hierunter fallen kommerzielle Ridepooling-Angebote außerhalb des ÖPNV. Der gebündelte Bedarfsverkehr ist damit als eine neue Form des PKW-Gelegenheitsverkehrs ausgestaltet worden. Im Grundsatz darf der gebündelte Bedarfsverkehr nur innerhalb der Gemeinde, in der der Unternehmer seinen Betriebssitz hat, tätig werden. Hiervon kann die Genehmigungsbehörde jedoch Ausnahmen im Einvernehmen mit anderen Genehmigungsbehörden und dem Aufgabenträger zulassen. Da für diese Verkehre die Rechte und Pflichten des Linienverkehrs nicht gelten, soll die Ausgestaltung maßgeblich durch die zuständigen Behörden vor Ort erfolgen.

Was macht das Land?

Die Landesregierung ist bestrebt, den öffentlichen Personennahverkehr in Baden-Württemberg als eine vollwertige Alternative zum individuellen, motorisierten Verkehr auf der Straße auszubauen. Mit der geplanten Mobilitätsgarantie schaffen wir ein verlässliches Angebot im öffentlichen Verkehr von 5 bis 24 Uhr und setzen damit einen deutlichen Anreiz vom Auto auf Bus und Bahn umzusteigen. Dieser ambitionierte Ausbau lässt sich in Räumen und zu Zeiten schwacher Verkehrsnachfrage wirtschaftlich tragfähig und ökologisch sinnvoll nur mit flexiblen und nachfragegesteuerten On-Demand-Angeboten realisieren. Im Koalitionsvertrag ist daher festgehalten: „Den On-Demand Verkehr wollen wir auf breiter Front fördern“. Das Ministerium für Verkehr hat sich dieser Thematik frühzeitig angenommen und fördert eine Vielzahl moderner, innovativer und nachhaltiger Projekte, die sich dem Thema der On-Demand Verkehre annehmen:

Modellvorhaben innovativer ÖPNV im ländlichen Raum

Das Ministerium für Verkehr hatte im Jahr 2015 den Landeswettbewerb „Modellvorhaben innovativer ÖPNV im ländlichen Raum“ ausgeschrieben. Im Rahmen des Wettbewerbs wurde die beiden Modellprojekte der Landkreise Calw und Göppingen mit insgesamt rd. 1,7 Millionen Euro gefördert. Mit den Modellvorhaben sollte exemplarisch demonstriert werden, wie ein flächendeckender Stundentakt im Sinne einer „Mobilitätsgarantie“ mit innovativen, bedarfsgesteuerten ÖPNV-Systemen auch im ländlichen Raum umgesetzt werden kann. Zudem sollen Wege aufgezeigt werden, wie ÖPNV im ländlichen Raum vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und begrenzter finanzieller Ressourcen der Aufgabenträger dauerhaft gesichert werden kann.

Innovationsoffensive: ÖPNV-Offensive für den ländlichen Raum

Im Rahmen des Förderaufrufs im Herbst 2020 konnten die kommunalen Aufgabenträger die Förderung von Gesamtkonzepte aus Buslinien-, flexiblen Rufbus- oder On-Demand-Verkehren zur Erschließung mindestens eines Mittelbereiches überwiegend im ländlichen oder verdichteten ländlichen Raum und ihrer Randzonen (nach Landesentwicklungsplan Baden-Württemberg 2002) in der Verzahnung mit dem SPNV oder einer Regiobuslinie bis zum November 2020 beantragen.

Ziel des Förderprogramms war es, mittels einer Kombination aus Linien- und Bedarfsverkehren den Stundentakt in einem ländlichen Gebiet sicherstellen. Dabei sollen auch neue Angebotsformen, wie Rufbusse und Sammeltaxis, zur Anwendung kommen. Auch die Integration von bestehenden Individualtransporten, wie Arzt- oder Kurierfahrten, kann hierbei berücksichtigt werden. Die Buchung der Fahrten muss per Telefon und Web-/App-basierten Buchungskanälen möglich sein. Außerdem ist ein barrierefreier Zugang zu den einzusetzenden Fahrzeugen sicherzustellen. Die Förderung kann je Vorhaben bis zu 1,8 Mio. Euro betragen. Im Rahmen des nun abgeschlossenen Förderaufrufs konnten im Juli 2021 insgesamt fünf Pilotprojekte in den Landkreisen Alb-Donau, Breisgau-Hochschwarzwald, Emmendingen, Freudenstadt sowie Schwäbisch Hall gefördert werden.

Förderprojekt zu Ridepooling und Begleitforschung

Im Rahmen des Förderprojekts „Ridepooling“ unterstützt das Verkehrsministerium das Projekt Fips zum Aufbau eines in den ÖPNV tiefenintegrierten On-Demand Shuttledienstes der Rhein-Neckar-Verkehr GmbH in Mannheim mit rd. 2,8 Mio. Euro. Die Shuttles dienen als Zubringer zum ÖPNV/SPNV, v.a. zu Straßenbahn­haltestellen. Außerdem sind Tangentialverbindungen zwischen den Vororten sowie der Ersatz bzw. die Ergänzung von Buslinien in Tagesrandzeiten vorgesehen.

Daneben wurde auch eine Begleitforschung in Auftrag gegeben, in deren Rahmen das Mannheimer Shuttle-Projekte begleitet und evaluiert werden soll. In die wissenschaftliche Untersuchung werden auch weitere On-Demand-Angebote in Baden-Württemberg, wie bspw. die Ridepooling-Projekte des KVV und der SSB, mit einbezogen. Ziel der Begleitforschung ist es, Erkenntnisse sowohl über die Nutzungshäufigkeit und die Nutzerstruktur der neuen Ridepooling-Angebote als auch über deren Wirtschaftlichkeit zu gewinnen, die mittelfristig auch anderen potenziellen Anbietern/Betreibern zur Verfügung gestellt werden können. 

Wo will das Land Baden-Württemberg hin?

Mit den bewilligten Pilotprojekten sollen weitere wertvolle Erfahrungen hinsichtlich der Integration von On-Demand Verkehren in den klassischen ÖPNV gewonnen werden. Künftig wird das Land die kommunalen Aufgabenträger noch stärker beim Aufbau von On-Demand Verkehren unterstützen und plant hierfür ab Sommer 2022 eine eigene Förderkulisse. Die neue Förderung soll flächendeckend in Baden-Württemberg wirken und sich auf die Bedarfslinienbetriebe beschränken. Diese Angebote sind in den ÖPNV integriert und werden sowohl im Linienbetrieb als auch im fahrplanungebundenen Flächenbetrieb eingesetzt. Sie müssen dabei in enger Verzahnung mit dem SPNV stehen oder auf eine der bestehenden Regiobuslinie ausgerichtet sein. Es ist eine dreijährige, abschmelzende Förderung der Betriebskosten vorgesehen.

Weitere Bestrebungen: Standardisierung und Abbau von Nutzungshürden

Angesichts der Vielfalt der Konzepte, Angebotsbezeichnungen und Umsetzungsvarianten ist zu überlegen, wo Harmonisierungen sinnvoll sind und wo lokale Lösungen ihre Berechtigung haben. Zudem sind Gestaltungselemente wie Buchungsverfahren und -bedingungen, Tarif, Fahrzeuge sowie die Gliederung der verschiedenen Aufgaben (wie Buchung, Disposition, Fahrbetrieb, Abrechnung) auf einzelne Akteure verteilt. Eine größere Vereinheitlichung kann Synergien erschließen und die Attraktivität verbessern.

Dabei möchte das Land

  • die Nutzungshürden abbauen,
  • die Bus- und Taxibranche einbeziehen,
  • (wieder)erkennbare Produkte etablieren und
  • bei der Standardisierung und Vernetzung der Akteure unterstützen.

Der weitere Ausbau – besonders in Stadtrand- und ländlichen Räumen – muss dabei umfassend geplant und finanziert werden. Im Rahmen des Zukunftsnetzwerkes will das Land mit den ÖPNV-Akteuren vor Ort in den Austausch gehen, um gemeinsame Lösungen sowie Standards zu erarbeiten.

Gibt es gute Beispiele?

SAM - Sammel-Anruf-Mietwagen

Im Landkreis Tübingen kann man mit SAM flexible Fahrten buchen. Es wird dabei zwischen Tag- und Nachtfahrten unterschieden. Dabei verkehrt der Tag-SAM nach einem Fahrplan und Liniennetz. Wohingegen Fahrten bei Nacht zu Sammelstellen innerhalb des Zentrums sowie außerhalb des Stadtzentrums auch von Haustür zu Haustür durchgeführt werden.

Flexible Angebote im Ortenaukreis

Der Ortenaukreis fördert mit einer eigenen Richtlinie flexible Bedienungsformen und andere ergänzende Verkehre. Dabei können Kommunen Vorhaben bis zu 50 Prozent aus Kreismitteln bezuschusst bekommen. Das Besondere dabei ist, dass das Förderprogramm verschiedene Angebotsformen beschreibt und den Antragstellern die Auswahl überlässt, welches Konzept sie bei sich realisieren wollen.

KKV.MyShuttle

Rund um Ettlingen, in Marxzell sowie im nördlichen Landkreis von Karlsruhe in Dettenheim und Graben-Neudorf sind die MyShuttle-Fahrzeuge bereits unterwegs. Dort werden echte und virtuelle Haltestellen bedient. Besitzer eines gültigen Fahrscheines zahlen zudem keinen Cent mehr für die Fahrt. Auch hier sollen das weit verzweigte Liniennetz von Bus und Bahn im KVV ergänzt und dadurch attraktiver gemacht werden.

Newsletter

Wir halten Sie auf dem Laufenden!

Jetzt abonnieren
totop-arrow