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Selbstfahrend durch Europa – Pilotprojekte im Check (Teil 2)

Autonome Shuttlebusse im komplexen Stadtverkehr –WeRide in Leuven (Belgien) zeigt, wie automatisiertes Fahren im Mischverkehr funktioniert.

Im zweiten Teil unserer Reihe „Selbstfahrend durch Europa – Pilotprojekte im Check“ steht das WeRide-Shuttle in der belgischen Universitätsstadt Leuven im Fokus. Seit Januar 2026 verkehren dort erstmals autonome Shuttlebusse im regulären öffentlichen Straßenraum. Die Fahrzeuge fahren als Linie 16 auf einer rund vier Kilometer langen innerstädtischen Strecke zwischen dem Bahnhof Leuven und dem Stadtteil Heverlee. Sie bewegen sich im Mischverkehr mit Autos, Radfahrer- und Fußgänger:innen und bedienen damit ein anspruchsvolles urbanes Umfeld. 

Patricia Liberatore und Dr. Martin Schiefelbusch vom Zukunftsnetzwerk ÖPNV waren vor Ort und haben das Fahrzeug getestet. Im folgenden Interview schildern sie unsihre Eindrücke aus Leuven. 

Im Gespräch mit Patricia und Martin

Zukunftsnetzwerk ÖPNV: Wie habt ihr die Fahrt erlebt – vom Einsteigen bis zum Aussteigen?

Patricia Liberatore: Ich habe die Fahrt als sehr angenehm erlebt. Das Fahrzeug fuhr ruhig und geschmeidig und passte sich dem umliegenden Verkehr sehr gut an. Insgesamt wirkte der Fahrstil souverän und wenig hektisch, was gerade im dichten Innenstadtverkehr positiv auffällt. 

Was hat euch überrascht? Gab es etwas Außergewöhnliches?

Dr. Martin Schiefelbusch: Besonders in Erinnerung geblieben ist eine Situation auf einer schmalen, einspurigen Straße mit Gegenverkehr. Ein großer Transporter blockierte teilweise die Fahrspur des Shuttles und schränkte die Sicht ein. Das autonome Fahrzeug reagierte darauf sehr kontrolliert: Es schwenkte langsam leicht aus, um die Sicht zu verbessern, erkannte den entgegenkommenden Verkehr und nutzte nach einer Lichthupe des anderen Fahrzeugs kurzzeitig die Gegenfahrbahn, um vorsichtig vorbeizufahren. Das war ein anschauliches Beispiel dafür, wie das System auch in komplexen Situationen handlungsfähig bleibt. 

Was funktioniert schon erstaunlich gut?

Patricia: Die Erkennung der umliegenden Verkehrsteilnehmenden funktioniert sehr zuverlässig. Das Shuttle fährt vorausschauend und vermeidet abrupte Bremsmanöver. Stattdessen reduziert es frühzeitig und kontrolliert die Geschwindigkeit, etwa wenn Fußgänger:innen die Fahrbahn queren. Das sorgt für ein insgesamt flüssiges und gut nachvollziehbares Fahrverhalten. 

Wo liegen die Grenzen – und was bedeutet das für den Einsatz?

Martin: Eine Grenze zeigte sich an einer Ampel: Als diese auf Grün schaltete, fuhr das Shuttle nicht selbstständig wieder an, sondern musste manuell gestartet werden. Für solche Situationen ist im Testbetrieb weiterhin ein Sicherheitsfahrer an Bord. Das zeigt, dass das System insgesamt stabil läuft, aber in einzelnen Standardsituationen noch Optimierungspotenzial besteht. 

Wie würdet ihr das Projekt insgesamt einordnen – welche Erkenntnisse nehmt ihr mit?

Patricia: Insgesamt zeigt sich eine stabile Integration der autonomen Fahrzeuge in den innerstädtischen Verkehrsfluss. Auch komplexe Situationen werden grundsätzlich sicher und vorausschauend bewältigt.

Martin: Positiv ist zudem, dass keine Anpassungen an der bestehenden Infrastruktur oder an den Lichtsignalanlagen notwendig waren. Das erleichtert die Umsetzung erheblich. Gleichzeitig macht das Projekt deutlich, dass der rechtliche Rahmen in Belgien derzeit noch über projektbezogene Sondergenehmigungen geregelt ist. Für einen langfristigen Regelbetrieb wird hier weitere Klärung notwendig sein.

Schon gewusst?

Anders als in Deutschland gibt es in Belgien derzeit keinen vollständig einheitlichen Rechtsrahmen speziell für den Regelbetrieb autonomer Fahrzeuge im öffentlichen Straßenverkehr. Stattdessen basiert der Einsatz auf bestehenden EU-weiten Zulassungs- und Sicherheitsvorgaben sowie nationalen Verkehrsregelungen. Der Betrieb autonomer Shuttles, wie im Projekt in Leuven, erfolgt daher im Rahmen projektbezogener Sondergenehmigungen der zuständigen Behörden, die den Einsatz unter definierten Bedingungen im öffentlichen Raum erlauben.

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