Den Auftakt bildet das Projekt ARTOUR in der Schweizer Stadt Arbon am Bodensee. Hier fährt ein automatisierter Linienbus im regulären öffentlichen Verkehr – nach Fahrplan und im Mischverkehr mit Autos, Radfahrer:innen und Fußgänger:innen. Der Betrieb ist bewusst praxisnah angelegt: Der Bus bedient eine innerstädtische Strecke, reagiert auf komplexe Verkehrssituationen und wird aus einer zentralen Leitstelle überwacht. Perspektivisch ist auch eine Fernsteuerung einzelner Fahrsituationen vorgesehen.
Im folgenden Interview schildern Patricia Liberatore und Dr. Martin Schiefelbusch, unsere Expert:innen für autonomes Fahren, ihre Eindrücke von einer Probefahrt mit dem autonomen Bus in Arbon. Beide besuchen im Rahmen ihrer Arbeit regelmäßig vergleichbare Projekte in ganz Europa und ordnen ARTOUR vor diesem Hintergrund ein.
Im Gespräch mit Patricia und Martin
Zukunftsnetzwerk ÖPNV: Wie habt ihr die Fahrt erlebt – vom Einsteigen bis zum Aussteigen?
Patricia Liberatore: Der Innovationscharakter war während der gesamten Fahrt deutlich spürbar. Besonders auffällig war das stark sicherheitsorientierte Fahrverhalten des Systems. Bei entgegenkommenden Fahrzeugen oder plötzlich auftauchenden Fußgänger:innen reagiert der Bus sehr vorsichtig und hält im Zweifel an oder bremst auch abrupt. Insgesamt war die Fahrt spannend – nicht zuletzt, weil es für uns eine der ersten Erfahrungen mit einem größeren automatisierten Shuttlebus im realen Straßenverkehr war.
Was hat euch überrascht? Gab es etwas Außergewöhnliches?
Dr. Martin Schiefelbusch: Überrascht haben uns vor allem die modularen und barrierefreien Haltestellen. Sie lassen sich flexibel anpassen. So wurde der Bussteig am Bahnhof kurzfristig um etwa einen Meter versetzt, um dem automatisierten Bus das Anfahren zu erleichtern. Das zeigt einen sehr praxisnahen und durchdachten Ansatz. Die Infrastruktur ist zudem so gestaltet, dass sie auch für den konventionellen Busverkehr nutzbar bleibt.
Interessant ist außerdem die Leitstelle: Sie befindet sich auf dem Betriebshof des regulären Busverkehrs. Dort gibt es Zugriff auf das autonome Betriebssystem, auf die Kameras im und am Bus sowie auf einen Fahrerstand, von dem aus die Fahrzeuge künftig auch extern manuell gesteuert werden können.
Was funktioniert schon erstaunlich gut?
Patricia: Der Bus fährt bereits regelmäßig nach Fahrplan und wird von Einwohner:innen ebenso wie von Tourist:innen genutzt. Seit dem Start im Oktober wurden bereits rund 3.000 Fahrgäste befördert, was für eine hohe Akzeptanz spricht. Zusätzlich zur regulären Strecke sind fünf Ersatzrouten digital hinterlegt, etwa für den Wochenmarkt oder Baustellen. Dadurch lassen sich Fahrplan und Linienführung flexibel anpassen.
Wo liegen die Grenzen – und was bedeutet das für den Einsatz?
Martin: Die Erkennung von anderen Verkehrsteilnehmenden funktioniert grundsätzlich zuverlässig. Dennoch gibt es noch Verbesserungsbedarf bei der Reaktionsgeschwindigkeit und der Leistungsfähigkeit des eingesetzten automatisierten Fahrsystems. Das zeigt sich unter anderem in abrupten Bremsmanövern und einem teilweise wenig flüssigen Fahrstil. Für einen breiteren Einsatz sind daher Weiterentwicklungen nötig, insbesondere bei Rechenleistung und Fahrdynamik.
Wie würdet ihr das Erlebnis insgesamt einordnen – welche Erkenntnisse nehmt ihr mit?
Patricia: Eine gute, partnerschaftliche Zusammenarbeit aller Projektbeteiligten ist ein zentraler Erfolgsfaktor.
Martin: Der gewählte Weg zur Einführung der Technologie ist sehr pragmatisch und stark an der Praxis orientiert.